Barcelona en tres días

Barça Drei Tage Barcelona. Und Barcelona, das heisst:

*Samstag, morgens um drei irgendwo mitten auf der Strasse in Camilas Armen zu schlafen.

*Nicht mehr zu wissen, wie und weshalb man nach Hause gekommen ist.

*Dafür zu wissen, wie es ist, vier Sprachen in einem einzigen Satz zu gebrauchen.

*Und was man Freitag morgens um halb fünf machen kann. Zum Beispiel an der Estación RENFE Blumenautomaten entdecken.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der multikulturellen Reise folgt.

Dramaturgische Vorfreude?

Wenn ich denk, dass ich heute die Nacht in einem Eurolines-Reisebus verbringe, wirkt sich das nicht unbedingt positiv auf die Kopfschmerzen aus. Aber trotzdem, die Vorfreude ist Vergütung genug. Ich hab zur Feier des Tages sogar mein dunkelgrünes blanket gewaschen, das ich aus dem Air Canada Airbus geklaut habe. [Seit Tschechien weiss ich, wie privilegiert man ist, wenn man in einem Reisebus Besitzer einer Decke ist.]

Gestern hab ich meine erste Theaterlektion gegeben. Mit anderen ausländischen Franzstudenten gibt das, neben dramaturgischen Diskussionen, eine gute Ausspracheübung :) [”Le loup” /lö lu/ kann man nämlich auch /la lupp/ aussprechen.]

Zuschauer

Le FlibustierLe Flibustier, Café-Théâtre. Es ist eines dieser kleinen Theater, das mit vierzig Zuschauern so voll ist, das der Sauerstoff für die anderthalb Stunden fast nicht ausreicht; das so eng ist, dass klaustrophobisch veranlagte Menschen wohl ihr Geld zurückverlangen würden; ein Theater, in dem man die Schauspieler persönlich kennenlernt, weil sie vor der Vorstellung im Café sitzen. Manche lernen die Schauspieler auch nicht in Café kennen, so wie ich. Leute wie ich rennen Schauspieler um. Da ist nämlich diese Toilette, eine einzige für Männer und Frauen, so klein, dass ich erst in ihn hineinrenne und ihm dann den Weg zum Waschbecken versperre, und er unheimlich lachen muss, weil ich es erst gar nicht merke.
Das Stück, Le Dîner des Cons, war genial. Unmöglich sich zu langweilen, eine unglaubliche Dynamik, obwohl nach einer Stunde alle am Gähnen sind, wegen des Sauerstoffmangels. Der Mann hinter mir lacht ganz komisch, der Mann neben mir bewegt sich während des ganzen Spektakels kein Bisschen, und die vor mir kommt von London und versteht nur jedes fünfte Wort weil sie erst im Niveau 2 ist. Die Zuschauer sind immer ein Spektakel an sich.

café & theater

kaffeetassenHeute morgen den Wecker überhört und trotzdem um acht Uhr aufgewacht. Ich war nämlich in Kanada, mit dem Gepäck meiner Schwester. Irgendwie war das ziemlich aufwühlend, dass ich mit diesen Sachen nichts anfangen konnte.
Trotzdem. Der Morgen war ganz gut. Naïma hat mir zwei Bücher gegeben, Theaterstücke: “Art” von Yasmina Reza, und “La Nuit de Valognes” von Eric-Emmanuel Schmitt. Und da ich heute Nachmittag mal frei habe, werde ich erst mal meine Sachen waschen, meinen Brief zuende schreiben, und dann: Café mit Buch.
Gestern habe ich ausserdem gelernt, wie die deutsche Sprache entstanden ist. Beziehungsweise, weshalb man im Norden Deutschlands das Vorzeigehochdeutsch spricht, und nicht im Süden. Vor etwa tausend Jahren sprach man also im Süden Dialekte des Niederhochdeutschen, das sich später zum jetztigen Hochdeutsch entwickelt hat, und im Norden das Plattdeutsche, das eher mit dem Niederländischen verwandt ist. Dann kam ja irgendwann Luther, der Niederhochdeutsch sprach, und übersetze die Bibel. Die im Norden Deutschlands mussten also quasi eine neue Sprache lernen und starteten also ohne bemerkenswerten Dialekte. Die Süddeutschen behielten aber die Dialkete bei, weil sie ja so oder so schon Niederhochdeutsch sprachen. Ja, so ist das :)

palais de justice

Heute an einem Gerichtsprozess im Palais de Justice. Cours d’appel. Das grösste Drogenhändlernetz in Frankreich wurde schon vor zehn Jahren aufgedeckt. Und noch immer sind sie am Verurteilen. Die Verhandlung geht drei Tage. Heute hat also der commissaire de police den Fall so lang und breit erklärt [namentlich während zwei Stunden], das sogar der Richter kurz vorm Einschlafen war. Und als die Vorstellung des Falls endlich vorüber war, rutschte der Richter auf seinem Stuhl herum, nahm seine Brille ab, räusperte sich und sagte: “Ja, gut, ich denke, das waren jetzt sehr viele Informationen. Das müssen wir erst einmal verdauen. Wir werden uns jetzt zuerst einmal das Gutachten des Allgemeinmediziners anhören und nachher wieder auf monsieur le commissaire zurückkommen.” Es gibt Menschen, die tun sich das jeden Tag an.
Jedenfalls weiss ich jetzt, dass 1kg Heroin von schlechterer Qualität etwa 9000 Euro kostet. Dass ich diese Information je in meinem Leben brauchen werde, bezweifle ich.

Abgesehen davon war das Essen heute richtig gut. Wir waren im Restaurant und hatten sogar Rosé [was sich im Palais de Justice nicht unbedingt positiv auf die Wachsamkeit ausgewirkt hat].

definetly maybe

Heute mit Mühe aufgewacht, eingetlich wie immer. Ich habe den unteren Stock eines Hauses für mich - ein Zimmer mit Doppelbett und ein Badezimmer mit Dusche. Im Badezimmer gibt es ein Loch in der Wand, das zwar nicht nach draussen führt, aber sonstwohin. Jedenfalls kommt kalte Luft da rein, und ich steh immer schlotternd unter der Dusche, weil das Wasser nur lauwarm ist. Ausserdem hatte ich heute morgen kein Nutella [das Zeug ist einfach verschwunden…], und Jules, der Kater, hatte hunger und ich konnte ihm nichts zu essen geben, weil er zu fett ist.
Dafür hörte ich heute auf dem Weg zur IS Definetly Maybe und hatte jetzt gerade einen Cappucino Creamy. Und das ganze heisst: mir gehts gut :)

auberge espagnole

So. Es gibt mich also doch noch. Ich bin in der Provence. Was ich hier mache? Lernen, was der Ausdruck “auberge espagnole” heisst (on y trouve ce qu’on y apporte…), und erfahren, dass mir das hier täglich passiert. Ich lerne Länder wie Australien, Spanien, USA, Brasililen, Japan, Mexiko, Indonesien, Schweden oder England durch die Leute kenne, die dort wohnen. Oder dann sitze ich in Cafés und schau mir die Leute an, die vorübergehen.
Ausserdem bin ich dran, einen Theaterkurs zu leiten. Wir stehen noch in der Aufbauphase, auf Französisch ist es doch eine Herausforderung, aber immerhin entsteht etwas. Mein Traum ist es ja immer noch, einmal Sartre aufzuführen. “Huis Clos” (”Geschlossene Gesellschaft”) zum Beispiel. Welche Rolle ich darin haben möchte, muss ich ja nicht weiter erläutern :) Aber eben, dazu fehlt dieses Jahr die Zeit.
Und morgen bin ich - endlich wieder einmal - Zuschauer: im Theater “Le Flibustier” gehe ich mir “Le Dîner des Cons” von Francis Veber anschauen. Mal schauen wer mitkommt.