Emotionale Grenzen
Ich denke, auf der Fahrt war ich nervös. Das Tempo regelmässig zu hoch. Am liebsten hätte ich angehalten, erst mal durchgeatmet, mich erst mal in aller Ruhe darauf vorbereitet und diesen Lärm im Kopf ausgeschaltet. Aber wenn es um Minuten geht - wann geht es schon um Minuten? -, dann treibt das Adrenalin alles vorwärts, Stillstehen unmöglich, Fingernägel graben sich in das, was am nächsten liegt (die Handflächen). Es gibt keine richtige Art zu reagieren.
Und wenn man dann stillsteht, wenn man da ist, dann gibt es nichts mehr, ausser winzigen Impressionen, Details, keine Gefühle. Dann ist man ruhig.
Fünf Polizeiautos, zwei Feuerwehrwagen, zwei Rettungswagen, ein Rettungshubschrauber. Warnsignal. Der Polizist, jung, blond, lehnt an seinem Wagen, sieht Papiere durch. Ich sage ihm, was ich will. Er lächelt unsicher, verweist mich an den Obersten, “Chefkommandant, dunkle Haare”, zeigt in eine Richtung. Ich stelle mir solche Menschen immer anders vor, diese Chefkommandanten. Er begleitet mich, lächelt sogar dabei. Der Lastwagen steht quer in der Strasse, weiss ist er und nicht beschriftet. Diese Stille. Kies auf dem Boden verstreut. Das Benzin muss ausgelaufen sein. Ein zerbrochenes Holzkistchen. Eine Tasche aus Leder. Dann ein Häufchen Kleider, Tücher, farbig und die passen gar nicht zueinander, und oben drauf zwei Paar gebrauchte Latexhandschuhe. Es wird laut und dann wieder leise. Jetzt wird sie weggeflogen. Da sind dunkelrot glänzende Blutspritzer auf dem Boden, in dem kopfgrossen Kreis aus Kreide. Das Motorrad, jetzt Einzelteile und doch ein Ganzes, wie ein Bild aus dem späten Kubismus, unter dem Lastwagen, zwischen zwei Räderpaaren. Und da gibt es keine Gefühle.
Wenn es ein Film wäre, wären da die rettenden Arme einer Umarmung.


